„Endstation Sehnsucht“ – Literaturballett frenetisch gefeiert

Von Gisela Rudolph

Orkanartiger Jubel erfüllte am Schluss der Ballettpremiere „Endstation Sehnsucht“ den Zuschauersaal des Düsseldorfer Hauses der Deutschen Oper am Rhein. Das war nicht nur der Anwesenheit des weltweit hochgerühmten Choreographen-Granden John Neumeier geschuldet. Der war extra nach Düsseldorf gekommen, um sein Literatur-Ballett nach Tennessee Williams’ Drama der hiesigen Compagnie gewissermaßen auf den Leib zu schneidern. Der mittlerweile 87-Jährige wirkte beim Verbeugen genauso agil und spontan, wie die ihn umgebenden, um die 60 Jahre jüngeren Tänzer, denen der tosende Applaus ebenso galt wie Neumeiers Interpretation und deren tänzerischer Umsetzung.

An Neumeier war nichts gekünstelt und maniriert – vom immer noch vollen silbergrauen Haar über die drahtige Gestalt bis hin zur Attitüde, mit der er höflich-bescheiden beim Applaus hinter den Akteuren zurücktrat. Das Ballett am Rhein zeigte die gleiche Hingabe an die Sache wie Maestro Neumeier. Bis ins kleinste Detail wurde die von ihm angelegte Konzeption aus Romantik, Dramatik bis zu unverhohlener Expressivität tänzerisch und schauspielerisch umgesetzt. Da spielte es buchstäblich keine Rolle, ob alle Einsätze akademisch synchron waren.

Die Geschichte der unglücklichen Blanche DuBois (Sophie Martin) erzählt Neumeier als Retrospektive: Sie erinnert sich als Patientin in der Psychiatrie an die einst – vermeintlich – glückliche Jugend im Familiensitz Belle Rêve (schöner Traum). Die Augen werden Blanche ausgerechnet bei ihrer Hochzeit geöffnet, als Bräutigam Allan (Gustavo Carvalho) von einem Freund leidenschaftlich geküsst wird. Dass Glück und Wohlstand bereits vorher bröckelten, zeigen teils gewaltsame Todesfälle, einstürzende Fassaden des in Auflösung begriffenen Hauses und seiner Bewohner.

Blanche flieht nach New Orleans zu ihrer Schwester Stella (Clara Nougé-Cazenave), die dort mit ihrem Mann Stanley Kowalski (Olgert Collaku) lebt. Großbürgerliche, aristokratisch angehauchte Südstaaten-Mentalität trifft hier auf proletarische Unterschicht des Schmelztiegels New Orleans. Seine Klimax erreicht das in der Vergewaltigung von Blanche durch Stanley. Und Neumeiers Geschichte endet da, wo sie begann: eine einsame Blanche im Irrenhaus. Die Endstation Sehnsucht ist – wie bei Williams – nicht erreicht.

Neumeier, der auch für Kostüme, Bühnenbild und Lichtinszenierung verantwortlich zeichnet, bedient sich einer klassischen Ballettsprache, die auch die dramatisch-exzessiven Szenen der Vergewaltigung bewältigt. So wird in Bildern von schön bis erschreckend  nicht nur die allfällige Gesellschaftskritik verdeutlicht, sondern auch Arthur Schnitzlers kritischer Kommentar zu Jean Pauls Satz, die Erinnerung sei das einzig beständige Paradies: Schnitzler nennt nämlich die Erinnerung „die einzige Hölle, in die wir schuldlos verdammt werden“. Wobei sowohl Williams wie auch Neumeier Blanches Festhalten an feudalen Idealen deutlich machen, so dass die „Schuldlosigkeit“ – wie im wirklichen Leben – von selbst in Frage gestellt ist.

Neumeiers vom Band zu hörende Musikauswahl zu diesem großartigen Literatur-Ballett ist ebenso geglückt wie dieses selbst. Prokofjews „Visions Fugitives“ für den 1. Akt im zusammenstürzenden Belle Rêve und insbesondere die 1. Simfonie von Alfred Schnittke für den 2. Akt in New Orleans sind kongenial. Schnittkes Stilmix vom Barock über Klassikzitate bis zum Jazz verdeutlicht, wie sehr Tradition von Zerrissenheit geprägt ist. Dem müssen sich die Über- oder Weiterlebenden stellen, wenn sie damit zurecht kommen wollen.

Weitere Vorstellungen: www.operamrhein.de

Beitragsbild: Olgert Collaku (Stanley), Sophie Martin (Blanche) – Foto: Ingo Schaefer

 

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