Der ehrliche Restaurant-Test: „Il Punto“ im Andreas-Quartier

„Wo vorher das Pitti war, ist jetzt das Il Punto – und bringt einen hohen Anspruch aus Berlin nach Düsseldorf: Es will Treffpunkt der Politik werden. Gäste erwartet italienische Hochküche unter beeindruckenden Kanzlerporträts.“

So kündigt die Rheinische Post die Eröffnung des „Il Punto“ im Andreas Quartier an. Il Punto muss man wissen, ist ein Erfolgslokal aus Bonn und Berlin, wo es ein Treffpunkt der Politik wurde. Der Mann dahinter ist Giuseppe Perna, den Uwe Schmitz, Chef des Frankonia-Bauunternehmens (Andreas Quartier) und auch Geschäftsführer von Il Punto, gut aus Berlin kennt und mit ihm nun das Pitti umwidmete.

Wir haben uns das Restaurant für den ehrlichen Restaurant-Test ausgesucht – Motto: Selbst bezahlen, sagen, was ist, wir beide probieren jedes Gericht zusammen, keine Gefälligkeits-Artikel.

 

Einnehmendes Ambiente

 

Wir, das sind Alfredo (Alfie) Lippari, der mit seiner „Trattoria D’Alfredo“ in Derendorf und Oberkassel unvergessliche Marksteine in der Düsseldorfer Gastronomie gesetzt hat, und ich. Wir beide werden künftig gemeinsam testen, er, eine Restaurant-Legende der Landeshauptstadt, ich der kritische Gerne-Esser. Alfies Urteil, so viel sei gesagt, soll was das Essen betrifft, im Zweifel den Ausschlag geben.

Im Il Punto nimmt einen umgehend das Ambiente ein, die gewaltig hohen Decken, die in raumhohen Regalen präsentierten guten Tropfen. Die Tische, mit komfortablem Gestühl und einem batteriebetriebenem goldenen Lämpchen versehen, wirken einladend.

Alfredo (Alfie) Lippari, kritisch mit sich, kritisch als Gast – Fotos: Düsseldorf Blog

Der Empfang ist herzlich. Giuseppe Niti, Supervisor, kümmert sich angelegentlich, was dadurch erleichtert wird, dass wir um 18 Uhr die einzigen Gäste sind, was auch im Laufe des Abends so bleibt, wenn man von zwei oder drei anderen Besuchern absieht.

Den Wein sucht Alfie aus, er bestellt einen „Cordero di Montezemolo 2022 Arneis“, einen säurearmen, mineralischen Wein. Die Rebsorte Arneis wird im Piemont angebaut. Während wir den ersten Schluck nehmen, ergibt es sich, dass wir auf Alfies Karriere zu sprechen kommen. Die, sagt er freimütig, hätte er ohne Remo und Enzo Rosati nicht machen können. Zehn Jahre kochte er im „Rosati“, Düsseldorfs elegantestem In-Italiener, dessen Nebenlokal „Rosati Due“ auch brummte.

 

„Ohne Rosati würde es mich nicht geben“

 

Er gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er über diese Zeit von 1984 bis 1993 spricht: „Das waren meine zehn Lehrjahre, davor war ich im Portofino, wo ich gelernt habe, am Tisch zu flambieren und zu filetieren. Ohne Rosati würde es mich so nicht geben, mit Remo habe ich immer noch guten Kontakt, Enzo ist ja leider gestorben.“

Goldene Zeiten habe er im Rosati erlebt: „Die Igedo war damals ein Traum, 14 Tage davor, 14 Tage danach Bombengeschäft, wir hatten 26 Vorspeisen, Fasan, Stubenküken, es gab alles bei uns. Es war die beste Zeit der Gastronomie für Düsseldorf.“

Die Vorspeise kommt. Wir hatten einen gemischten Vorspeise-Teller bestellt. Wir schauen uns an: Urteil: Nicht dem angestrebten Niveau des Il Punto entsprechend. So wäre es schön gewesen, statt der Mozzarella-Stückchen und der geviertelten Tomate Büffel-Mozzarella und saftige Tomatenscheiben auf dem Teller zu haben. Die schmackhafte Sauce ist uns zu wenig, mehr wird nachgeliefert.

Alfie hat als weitere Vorspeise Kürbis Gniocchi geordert, ich die Culurgiones (noch nie gehört, deshalb),  die auf der Karte als „Kartoffel- und Fischfüllung mit Safranvelouté und Katsuobushi“ bezeichnet werden. Letzteres muss ich googeln: geräucherter Bonito. Mich hat das Gericht ebensowenig überzeugt, wie Alfie die Gniocchi, die ich auch probiere: Laff wie nur was. Alfie bestellt Parmesan und kippt gute zwei Esslöffel drauf: „Das bringt wenigstens ein bisschen Geschmack.“

Die Gnocchi mit wenig Geschmack, die Culurgiones auf jeden Fall nichts, was man wieder bestellen würde, in Erinnerung bleibt: da passiert wenig auf der Zunge, es war matschig

 

Wir kommen auch auf Uli Weise zu sprechen, gleichfalls eine Größe der Gastronomie in Düsseldorf, mit dem Alfie als fifty-fifty-Partner die Trattoria D’Alfredo in Derendorf betrieb. Und wir sprechen über Kritik seitens der Gäste. „Kritik ist sehr hilfreich, man lernt daraus,“ meint Alfie. Er erwähnt einen prominenten ehemaligen Gast, der nur auf Nachfrage erklärte, weshalb er als einziger am Tisch ohne Vorspeise saß: „Die Pasta war süß“. Alfie probierte das Wasser, jemand hatte Zucker mit Salz verwechselt.

Alfies Kritik an der Ente: Sie hätte aufgeschnitten sein sollen – und vor allem knusprig. An seiner Ente knuspert rein gar nichts. Die Involtini schmeckten definitiv nicht, wie frisch zubereitet und waren trocken. 

Da ich als täglich kochender Amateur die Involtini zu Hause ganz leidlich hinbekomme, war ich sehr enttäuscht.

Alfie und ich haben unsere Flasche Wein geleert und ordern noch ein Glas Nero d’Avola. Mittlerweile sinnieren wir darüber, wie Il Punto existieren kann, mit dieser Küche und fehlenden Gästen. Man sollte doch meinen, dass so ein brandneues Lokal nahezu überlaufen ist.

Alfie überschlägt die vorstellbaren Miet-, Personal- und Reinigungskosten (die Glaswand an der Bar wäre mal wieder fällig) und verdreht die Augen. „Ich weiß nicht, wie sich das jemals rechnen soll, hier muss wirklich etwas passieren.“

Ich hatte um Rückruf von Uwe Schmitz gebeten, der jedoch nicht erfolgte. Fazit: Dieses wunderschöne Lokal braucht definitiv einen definierten Neustart – wenn’s was werden soll.

Leider, trotz überzeugendem Ambiente, nicht mehr als zwei von fünf Punkten, insbesondere auch unter Berücksichtigung des Preis-Leistungs-Verhältnisses.

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