„Elektra“ in der Oper – nur musikalisch ein Genuss

Von Gisela Rudolph

Sie werden ihres Lebens nicht froh. Klytämnestra, ihre Töchter Elektra und Chrysothemis laborieren am Trauma des gewaltsamen Tode von  Mykene-König Agamemnon. Der hat nämlich Tochter Iphigenie ermordet, wofür die Götter günstige Winde zur Fahrt nach Troja versprochen haben. Aus Rache für den Mord an Iphigenie hat Gattin Klytämnestra ihn mit einem Beil erschlagen.

Ganz trendy hat Regisseur Stephan Kimmig den Stoff aus der griechischen Mythologie in der Jetztzeit angesiedelt. Das hat dem Publikum der Düsseldorfer Rheinoper der Richard-Strauss-Oper „Elektra“ allerdings nicht gefallen.

„Buuuh“ tönt es am Schluss aus den Zuschauerkehlen. Denn Kimmig vermochte nicht, mit Elektra (Ingela Brimberg) im Atrium eines schnöden Backsteinbaus inklusive Garage für einen Mittelklassewagen, Chrysothemis (Liana Aleksanyan) in Jeans, dafür Klytämnestra (Linda Watson) als vermeintliche Mater Familias im Paillettenkleid, seine Intention, die psychologischen Prozesse der Akteure als Kammerspiel nämlich, zu veranschaulichen. Was ganz und gar nicht an den überaus fabelhaften Sängern lag.

Man fragt sich, wozu die auf die Bühnenrückwand projizierten Videoaufnahmen (Live-Video: Ulrike Schild)? Ein Misstrauen des überwiegend im Schauspiel tätigen Regisseurs gegenüber der gewaltigen, anspruchsvollen Strauss-Partitur? Zu schwierig für „moderne“, zu „leichter“ Les- und Hörart umerzogene Menschen? Dabei hat GMD Vtali Alekseenok Wucht und Dramatik der Partitur genauso stringent dirigiert wie die zarten, teils bis ins Kammerspiel gehenden Passagen – von den mehr als 100 Musikern der Düsseldorfer Symphoniker prachtvoll umgesetzt. Da braucht’s keinen Schnickschnack wie Videokamera auf der Bühne à la TikTok und Agamemnon als bleichgesichtigen Schattenmann, der akrobatisch durch Elektras Traumata turnt.

Geholfen hätte wohl eine differenzierte Personenregie, die Kimmig zumindest im Programmheft auslobt. Und wo blieb das „Stoppschild“, das Kimmig – wiederum laut Programmheft – der „Auge um Auge“-Mentalität von Urzeiten bis heute vorhalten will. Da reicht auch das Schlussbild nicht: Die von Orest (Richard Šveda) erschlagene Klytämnestra wird im Sarg auf die Bühne gebracht, vom Bestatter offensichtlich von allen Spuren der Bluttat befreit. Da brauchen Chrysothemis und Orest eigentlich nichts mehr wegzutupfen, wie von Kimmig inszeniert. Und nun? Gehen sie alle ihrer Wege, wo immer die hinführen mögen.

Das hat dem Publikum zwar überhaupt nicht gefallen. Doch belohnt wurde die eindreiviertelstündige, pausenlose Aufführung musikalisch, und das Publikum kam auf seine Jubel-Kosten. Lautstarke Bravorufe für das ausgezeichnete Sänger-Personal, insbesondere für Ingela Brimberg, die für die erkrankte Erstbesetzug kurzfristig eingesprungen war. Liana Aleksanyans Chrysothemis zeigte, hier wächst eine Jugendlich- bis Hochdramatische heran. Heimspiel natürlich für Publikumsliebling Linda Watson. Als Wagner-Heroine unzählige Male gefeiert, zeigte sie ein untadeliges Klytämnestra-Porträt in Spiel und Stimme.

Nachhaltig gefeiert wurde GMD Alekseenok für seine umsichtige, gefühlvolle musikalische Leitung. Und natürlich die grandiosen Düsseldorfer Symphoniker. Sie bewiesen wieder einmal, dass sie in Timbre, Spielkultur und Technik zur ersten Liga in Deutschland zählen.

Schön, dass das Düsseldorfer Publikum dies erkannt hat. Allein wegen des musikalischen Hochgenusses empfiehlt sich unbedingt ein „Elektra“-Besuch.

Termine und Tickets unter www.operamrhein.de

Beitragsbild: Ingela Brimberg (Elektra), Pascal Siffert (Agamemnon), Liana Aleksanyan (Chrysothemis). Foto: Sandra Then

noch keine Kommentare

Antworten

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.