
Von Gisela Rudolph
Eine aufregende Eröffnung der Spielzeit hat das Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein hingelegt. Nicht nur wegen der Verschiebung der Premiere der Mammutoper „Die Meistersinger von Nürnberg“ um eine Woche – wieder mal aufgrund bautechnischer Probleme.
Die inklusive zwei Pausen fünfeinhalb Stunden dauernde Aufführung von Richard Wagners grandiosem Werk hinterließ zwiespältige Reaktionen. Da war werkgerecht der Musikrausch, den Gastdirigent Christoph Gedschold mit den Düsseldorfer Symphonikern, dem Solistensemble sowie dem Chor entfachte und der mit Bravorufen des Publikums belohnt wurde. Da war aber auch der schon nach dem zweiten Akt lautstark geäußerte Unmut aus dem Saal über Daniel Kramers Inszenierung um Hans Sachs & Friends. Nürnberger Zuckerbäckerstil mit Verklärung des Mittelalters hatte natürlich niemand erwartet. Zumal Wagners Beschwörung der deutschen Kunst und ihrer Meister als gute Geister im dritten Akt natürlich durch die Vereinnahmung nationalsozialistischer Ideologie unter strengster Beobachtung steht.
Statt Nürnberg Düsseldorfs Hauptbahnhof
In diese Falle wollte Regisseur Kramer nach seinen Bekundungen im Programmheft nicht tappen: „Ich habe genug Nazi-Fahnen auf der Bühne gesehen.“ So wählte er einen Mix aus historischem Ambiente und aktualisierten Bildern. Nach der ehrwürdigen Halle mit Gemälden der Meister geht’s im 2. Akt statt auf Nürnbergs Straßen in den Düsseldorfer Hauptbahnhof und im 3. Akt gar auf eine kleine Zeitreise ins gar nicht so weit entfernte Jahr 2035.
Die grell bebilderte Bahnhofshalle sticht buchstäblich ins Auge und ist ein amüsantes Suchbildrätsel, wo sich Schuster Hans Sachs und Freunde wohl dort angesiedelt haben. Doch der Bilderwust lenkt leider vom Musikrausch ab.
Die Festwiese im Schlussbild des 3. Aktes ist zu einer Art Exerzierplatz geworden und das Frühlingsgrün den olivfarbenen Militäruniformen der in Reih’ und Glied aufmarschierten Soldaten gewichen. Deutschland-, Europa- und Natoflagge flankieren die große Schlussode an die (deutsche) Kunst. Stolzing weist die mit dem Sieg verbundene Meisterehre zurück, wie von Wagner vorgesehen. Und Regisseur Kramer lässt dazu noch das Liebespaar flugs von der Festwiese abhauen.
Siegreicher Meistersinger
Das kantable, dramatische, lyrische hochromantische Werk hat es nicht nötig, mit der mehr oder weniger effektvollen Bilderflut auf der Bühne zu konkurrieren. Zumal wenn solche Musiker wie bei der hiesigen Meistersinger-Premiere buchstäblich am Werk sind. Martin Gantner klang als Hans Sachs sicher nicht nur wegen einer leichten Indisposition eher wie ein Kavaliersbariton, was zum reflektierten, kunstsinnigen Schuhmachermeister wunderbar passt. Als imposanter Veit Pogner von Statur, Stimme und Präsenz zeigt sich Hans-Peter König, jahrelang gefeiert in Bayreuth und vielen internationalen Spitzenhäusern. Großartig ebenso Christoph Pohl als Sixtus Beckmesser mit Schönklang und satirischer Verzerrung. David Fischer gab seinem Namensvetter David als Lehrbube von Hans Sachs stimmlich wie darstellerisch markantes Profil. Gleiches konnte Anna Harvey als Evas Vertraute Magdalena mit schönem, höhensicheren Mezzo beanspruchen. Anke Krabbe absolvierte mit strahlender Höhe ein erfolgreiches Debüt als Eva. Daniel Frank zeigte den Weg vom Bohème-Sänger zum siegreichen Meistersinger, der neben den künstlerischer Entwicklung auch eine geistige durch das Verlassen der Festwiese zeigt.
Gedschold war als Dirigent ein würdiger Ersatz für Axel Kober. Wer den einstigen Generalmusikdirektor der Rheinoper dennoch erleben möchte, kann ihn in einigen Aufführungen der „Meistersinger“ bis 6. Dezember am Pult sehen.
Karten und Termine unter www.operamrhein.de
